Der "neue" Strom - ein Fortschritt
?
Eine nicht durchgängig ernst gehaltene Betrachtung zu einem
bitterernsten Thema.
Von
Dieser Text stammt aus dem Jahr 2000 und entspricht in Einzelheiten nicht mehr dem aktuellen Stand.
Dieser Text ist auch für Leute, die keinen eigenen Strom-Vertrag
haben, denn Strom verbraucht ja wohl jeder.
Wer einzig und allein an sein Geld denkt, über 50 Jahre
alt ist und keine Verantwortung für die Zukunft jüngerer Menschen
auf dieser Erde empfindet, kann sich diesen Text schenken.
Die Ausführungen gehen beispielhaft aus von der Situation in Marburg,
wo die Stadtwerke z.B. einen "Umwelttarif" mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen
anbieten. Sie lassen sich sicher grob übertragen auf Orte, an denen
es vergleichbare Angebote gibt. |
Stellt euch mal vor, Benzin würde nur € 0,30 pro Liter kosten,
und 20 Zigaretten nur € 0,50. Und das bei unserem heutigen Realeinkommen!
Traumhaft? Ich stelle mir z.B. vor, dass die letzte Überführung
eines 37-jährigen
echten Kettenrauchers ins Krankenhaus dann
ziemlich lange dauern würde, weil Eisenbahntrassen viel zu schmal
sind, um darauf 2-spurige Autobahnen zu bauen. Alles klar??
Aber was für Auswirkungen wird es haben, wenn der Strompreis durch
zunehmende Konkurrenz immer weiter fällt?
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Den Effekt eines erhöhten Stromverbrauchs halte ich zwar für
schlimm, aber im Vergleich zu anderen Auswirkungen für weniger bedeutend.
Auch vor der Marktfreigabe war Strom schon so billig, dass er einfach verbraucht
wurde, ohne groß an die Kosten zu denken. Wer hat denn bislang so
unter der Last des enorm hohen Strompreises gestöhnt, dass er nur
noch 1x im Monat statt jede Woche Staub saugt? Es ist unwahrscheinlich,
dass der Stromverbrauch generell deutlich steigt.
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Schon gravierender sind die Auswirkungen auf den öffentlichen Personennahverkehr,
also in erster Linie die Kosten für Busfahrten. Bis 1999 haben die
Stadtwerke aus ihren Strom- und Gas-Einnahmen Millionenbeträge für
die Verbilligung des Busverkehrs abgezweigt. Das ist jetzt nicht mehr möglich.
Praktisch heißt das: Familie Großkotz, die in ihrem 300-m²-Haus
10000 kWh Strom pro Jahr verbraucht, hat damit früher unabsichtlich
z.B. die Monatskarten von 10 Hausfrauen billiger gemacht. Nun sind die
Bus-Preise deutlich gestiegen (denn wo soll das Geld sonst herkommen),
und alle die es sich irgendwie leisten können, steigen auf ein zusätzliches
Auto um. Dadurch wird der Busverkehr unwirtschaftlicher, die Busse fahren
seltener, noch mehr Leute steigen auf Autos um, und bald fahren nur noch
reiche Idealisten mit dem Bus.
Die Hoffnung auf ein paar vernünftige Politiker, die diesen unweigerlichen
Trend erkennen und andere Subventionsmöglichkeiten für den öffentlichen
Nahverkehr erschließen, scheint zumindest bei den in Marburg regierenden
Parteien nicht zu greifen.
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Noch massiver sind die zu erwartenden wirtschaftlichen Turbulenzen. Trotz
der beschlossenen Unterstützung für Stromerzeugung per Kraft-Wärme-Kopplung
(umweltfreundlich, hoher Wirkungsgrad, teuer) werden die Stadtwerke in
vielen Orten mit den Preisen nicht so heruntergehen können wie freie
Stromaufkäufer. Viele Stadtwerke werden zusammengestrichen oder verkauft
werden, was auf jeden Fall mit dem Verlust vieler Arbeitsplätze einhergeht.
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Die am wenigsten ins Auge springende Auswirkung ist meiner Meinung nach
die gravierendste:
Wer billigen Strom kauft, kauft Atom- oder
Kohlestrom. Erneuerbare Energiequellen oder die ressourcen-
und umweltschonende Kraft-Wärme-Kopplung können preislich nicht
mithalten mit abgeschriebenen französischen Atomkraftwerken oder den
russischen Devisenbringern vom Typ Tschernobyl. So wie Familie Großkotz
jetzt keinen Buskunden mehr finanziert, so steigen alle Billigstrom-Nutzer
aus der vorausschauenden Nutzbarmachung regenerierbarer Energie wie Wind
und Sonne aus. Auf diese Zusammenhänge möchte ich im Folgenden
noch etwas ausführlicher eingehen.
Einwand: Da der Strom über das
europäische Verbundnetz in unsere Steckdosen fließt, kann man
gar nicht sagen, welcher Strom von mir oder von dir verbraucht wird. Es
wird immer ein gewisser Teil Atomstrom und ein kleiner Teil Solarstrom
dabei sein.
Antwort: Physikalisch trifft das
natürlich voll zu. Aber: Ohne eine einzige technische Änderung
an den bisherigen Stromwegen wird heutzutage sehr wohl genau abgerechnet,
wer welchen Strom bezahlt und damit auch im wirtschaftlichen Sinne "verbraucht".
Da an allen Einspeisungs- und Abnahmestellen des Verbundnetzes die durchfließende
Energie gezählt und somit in Rechnung gestellt wird, wäre es
den Stadtwerken Marburg z.B. durchaus möglich, ihre Umwelttarif-Kunden
mit Strom aus einem Windrad in Cuxhaven zu versorgen. Aber das ist gar
nicht nötig, denn auch in Marburg und Umgebung gibt es Solarzellen
auf Dächern und sogar Windräder.
Mit Atomenergie und Kohle befinden wir uns
in einer Sackgasse. Es gibt nur drei Länder auf der ganzen
Welt, in denen noch Atomkraftwerke neu gebaut werden. Auch dort wird man
irgendwann die Unlösbarkeit des Atommüll-Problems und die Verantwortung
für zukünftige Generationen erkennen. In ein paar -zig Jahren
wird die Ausbeutung der verbliebenen Kohlevorkommen immer kostenaufwendiger
werden (vom Erdöl gar nicht mehr zu reden), und wo kommt dann eigentlich
unser Strom her?
Der Tarif "Umwelt Plus" der Stadtwerke
Marburg (von mir salopp Umwelttarif genannt) beinhaltet einen Aufpreis
von € 0,075 je kWh für die Lieferung von Strom
aus erneuerbaren Energiequellen, also Wasserkraft, Solarenergie
und Windkraft. Das Besondere an diesem Tarif ist aber,
dass damit nicht nur die Kosten des Stroms abgedeckt werden, sondern dass
der Aufschlag in vollem Umfang in den Ausbau von Anlagen zur Nutzung
erneuerbarer Energiequellen investiert wird. Wie ist das möglich?
In der Vergangenheit haben die Stadtwerke mit den Gewinnen aus dem
Stromverkauf die Errichtung z.B. von Solarzellen-Anlagen gefördert.
Die Mehrkosten für die bereits existierenden Anlagen sind also schon
längst bezahlt. Jetzt können die Mehreinnahmen durch den Umwelttarif
wieder in neue Anlagen gesteckt werden. Wenn es genug Kunden dafür
gibt, haben wir in ein paar Jahren schon doppelt so viele solche Anlagen,
danach viermal so viele, usw. Das ist ein wirklich zukunftsträchtiges
Vorhaben und führt mit immer größeren Stückzahlen
auch zu immer billigeren Anlagen. Und auf die sind wir alle dringend angewiesen,
wenn es Kohle- und Atomstrom irgendwann kaum mehr gibt. Diese Zusammenhänge
kann ich als Nicht-Insider natürlich nur grob darstellen.
Greenpeace hat eine Einkaufsgenossenschaft
in Leben gerufen, die ihre Mitglieder mit Strom aus regenerativen Energiequellen
und Kraft-Wärme-Kopplung versorgt. Eine gezielte Förderung des
Baus neuer Anlagen scheint dabei aber nicht enthalten zu sein. Auf jeden
Fall steigert das die Nachfrage nach solchem Strom und geht damit auch
in die richtige Richtung. Selbst in den USA, über die wir so viele
Vorurteile haben, gibt es schon ca. 100000 Öko-Strom-Kunden. Wann
holen wir die Amerikaner ein?
Woran soll ich als Otto Normal-Stromverbraucher mich denn jetzt orientieren?
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Bei einer Vertragsbindung sind die Erstbindungszeit und die sich daran
womöglich noch anschließende Kündigungsfrist wichtiger
als € 0,005 Unterschied im Tarif, wenn man nicht mit gebundenen Händen
zusehen will, wie die Preise noch weiter herunter gehen.
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Wer wechseln will, sollte die Kündigung des bisherigen Stromlieferanten
erst nach Abschluss des neuen Vertrages vornehmen, am besten als
Service des neuen Lieferanten.
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Die telefonischen/mündlichen Angaben sollten genauestens mit dem tatsächlichen
Inhalt des Vertrages verglichen werden. WISO stellte bei 5 von 10 Anbietern
Abweichungen fest.
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Man sollte darauf achten, dass in den Grundkosten alle Zähler- und
Ablesekosten enthalten sind. In den Verbrauchskosten sollten die Mehrwertsteuer,
Stromsteuer sowie alle Durchleitungskosten enthalten sein.
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Der bisherige ganz normale Stromzähler wird auch nach einem Wechsel
des Anbieters zur Ablesung und Abrechnung herangezogen; es kommen also
keine Handwerker ins Haus.
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Es gibt eine allgemeine Versorgungspflicht der bisherigen Stromversorger.
Keiner braucht also Angst zu haben, bei einer Pleite des neuen Versorgers
plötzlich ohne Strom dazustehen. Beim alten Versorger wird man immer
wieder (freudig?) aufgenommen und kann sich danach ggf. erneut für
einen anderen Anbieter entscheiden.
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Im Internet gibt es die Möglichkeit, sich für den eigenen jährlichen
Stromverbrauch die günstigsten Anbieter nennen zu lassen, z.B. bei
www.stromtabelle.de
oder bei www.strom-magazin.de,
wo man sogar "Naturstrom" auswählen kann (was auch immer das im Einzelfall
bedeuten mag).
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Wer nicht bewusst einen Tarif mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen
wählt, kann sicher sein, dass er nicht eine einzige kWh solchen Stroms
erhält, denn dieser Strom lässt sich teurer verkaufen als Atom-
oder Kohle-Strom, und dafür ist ein eigener Markt entstanden. Man
muss sich in diesem Punkt also entscheiden, und das ist ganz anders als
bisher.
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Wer meint, die Verantwortung für die Zukunft unserer Kinder hört
nicht beim Strom auf, der sollte z.B. den Umwelttarif der Stadtwerke wählen.
Bei den Marburger Stadtwerken gibt es noch die Besonderheit, dass man den
Anteil erneuerbarer Energie stückeln kann. In Teilmengen zu 500 kWh
(€ 37,50 Aufschlag) kann man "Umweltstrom" wählen und den Rest
eben mit "herkömmlicher" Energie abdecken. Eine Idee wäre z.B.,
je Person 500 kWh "Umweltstrom" zu wählen und den Rest vielleicht
durch konsequentes Stromsparen gegen 0 zu drücken.
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Wer meint, dass Strom mit Bedacht verbraucht werden sollte, und gar nicht
einsieht, dass die Stadtwerke wegen Geschäftemachern und Spar-Schweinen
(bitte nicht persönlich nehmen) kaputt gehen sollen (hier kommt natürlich
wieder die Tatsache durch, dass ich seit dem ersten Arbeitstag Gewerkschaftsmitglied
bin), der sollte einfach trotz des Ratschlags in Punkt 1. einen 1-Jahres-Vertrag
mit den Stadtwerken machen. Die Preise sind momentan einigermaßen
günstig zu nennen, und wenn es noch billiger wäre, dann hätten
wir keinen Anreiz mehr zum Stromsparen. Und dann schaut man zu, wie die
anderen Anbieter noch günstiger werden und ihren Atomstrom verschleudern,
und man ärgert sich nicht und spart vielleicht noch ein bisschen mehr
Strom. Geld regiert zwar die Welt, aber ab und zu muss man mal einen Marionettenfaden
kappen.
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Wer sich bei Punkt 10. überfordert fühlt, der sollte vielleicht
seinen bisherigen teuren, aber schnell kündbaren Tarif bei den Stadtwerken
vorerst behalten und in Ruhe nach einem verlässlichen Anbieter suchen,
der zu vertretbaren Laufzeiten den besten (da kann jeder seine Kriterien
einsetzen) Strom liefert. Bei Anbietern, die schriftlich zusichern, nur
Strom aus dem Inland einzukaufen, kann man von einigermaßen vertretbaren
Umwelt-Standards ausgehen. Die billigsten haben hauptsächlich Atomstrom
aus dem Ausland.
Die Angaben in dieser Betrachtung sind als meine persönliche Meinung
zu verstehen. Ich habe Informationen nach bestem Wissen wiedergegeben,
kann aber nicht ausschließen, dass einzelne Angaben sich als quantitativ
oder qualitativ falsch herausstellen. Bei den Stadtwerken Marburg bin ich
ein ganz normaler Strom-, Gas- und Bus-Kunde und sonst nichts; außer
den hier bewusst genannten Motiven gibt es für mich keine weiteren
Gründe, die Stadtwerke besonders zu empfehlen.
Dieser Text stammt aus dem Jahr 2000 und entspricht in Einzelheiten nicht mehr dem aktuellen Stand.
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