Der "neue" Strom - ein Fortschritt ?

Eine nicht durchgängig ernst gehaltene Betrachtung zu einem bitterernsten Thema.

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Dieser Text stammt aus dem Jahr 2000 und entspricht in Einzelheiten nicht mehr dem aktuellen Stand.


Dieser Text ist auch für Leute, die keinen eigenen Strom-Vertrag haben, denn Strom verbraucht ja wohl jeder.
Wer einzig und allein an sein Geld denkt, über 50 Jahre alt ist und keine Verantwortung für die Zukunft jüngerer Menschen auf dieser Erde empfindet, kann sich diesen Text schenken.
Die Ausführungen gehen beispielhaft aus von der Situation in Marburg, wo die Stadtwerke z.B. einen "Umwelttarif" mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen anbieten. Sie lassen sich sicher grob übertragen auf Orte, an denen es vergleichbare Angebote gibt.

Stellt euch mal vor, Benzin würde nur € 0,30 pro Liter kosten, und 20 Zigaretten nur € 0,50. Und das bei unserem heutigen Realeinkommen! Traumhaft? Ich stelle mir z.B. vor, dass die letzte Überführung eines 37-jährigen echten Kettenrauchers ins Krankenhaus dann ziemlich lange dauern würde, weil Eisenbahntrassen viel zu schmal sind, um darauf 2-spurige Autobahnen zu bauen. Alles klar??
Aber was für Auswirkungen wird es haben, wenn der Strompreis durch zunehmende Konkurrenz immer weiter fällt?

Einwand: Da der Strom über das europäische Verbundnetz in unsere Steckdosen fließt, kann man gar nicht sagen, welcher Strom von mir oder von dir verbraucht wird. Es wird immer ein gewisser Teil Atomstrom und ein kleiner Teil Solarstrom dabei sein.
Antwort: Physikalisch trifft das natürlich voll zu. Aber: Ohne eine einzige technische Änderung an den bisherigen Stromwegen wird heutzutage sehr wohl genau abgerechnet, wer welchen Strom bezahlt und damit auch im wirtschaftlichen Sinne "verbraucht". Da an allen Einspeisungs- und Abnahmestellen des Verbundnetzes die durchfließende Energie gezählt und somit in Rechnung gestellt wird, wäre es den Stadtwerken Marburg z.B. durchaus möglich, ihre Umwelttarif-Kunden mit Strom aus einem Windrad in Cuxhaven zu versorgen. Aber das ist gar nicht nötig, denn auch in Marburg und Umgebung gibt es Solarzellen auf Dächern und sogar Windräder.

Mit Atomenergie und Kohle befinden wir uns in einer Sackgasse. Es gibt nur drei Länder auf der ganzen Welt, in denen noch Atomkraftwerke neu gebaut werden. Auch dort wird man irgendwann die Unlösbarkeit des Atommüll-Problems und die Verantwortung für zukünftige Generationen erkennen. In ein paar -zig Jahren wird die Ausbeutung der verbliebenen Kohlevorkommen immer kostenaufwendiger werden (vom Erdöl gar nicht mehr zu reden), und wo kommt dann eigentlich unser Strom her?

Der Tarif "Umwelt Plus" der Stadtwerke Marburg (von mir salopp Umwelttarif genannt) beinhaltet einen Aufpreis von € 0,075 je kWh für die Lieferung von Strom aus erneuerbaren Energiequellen, also Wasserkraft, Solarenergie und Windkraft. Das Besondere an diesem Tarif ist aber, dass damit nicht nur die Kosten des Stroms abgedeckt werden, sondern dass der Aufschlag in vollem Umfang in den Ausbau von Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energiequellen investiert wird. Wie ist das möglich?
In der Vergangenheit haben die Stadtwerke mit den Gewinnen aus dem Stromverkauf die Errichtung z.B. von Solarzellen-Anlagen gefördert. Die Mehrkosten für die bereits existierenden Anlagen sind also schon längst bezahlt. Jetzt können die Mehreinnahmen durch den Umwelttarif wieder in neue Anlagen gesteckt werden. Wenn es genug Kunden dafür gibt, haben wir in ein paar Jahren schon doppelt so viele solche Anlagen, danach viermal so viele, usw. Das ist ein wirklich zukunftsträchtiges Vorhaben und führt mit immer größeren Stückzahlen auch zu immer billigeren Anlagen. Und auf die sind wir alle dringend angewiesen, wenn es Kohle- und Atomstrom irgendwann kaum mehr gibt. Diese Zusammenhänge kann ich als Nicht-Insider natürlich nur grob darstellen.

Greenpeace hat eine Einkaufsgenossenschaft in Leben gerufen, die ihre Mitglieder mit Strom aus regenerativen Energiequellen und Kraft-Wärme-Kopplung versorgt. Eine gezielte Förderung des Baus neuer Anlagen scheint dabei aber nicht enthalten zu sein. Auf jeden Fall steigert das die Nachfrage nach solchem Strom und geht damit auch in die richtige Richtung. Selbst in den USA, über die wir so viele Vorurteile haben, gibt es schon ca. 100000 Öko-Strom-Kunden. Wann holen wir die Amerikaner ein?

Woran soll ich als Otto Normal-Stromverbraucher mich denn jetzt orientieren?

  1. Bei einer Vertragsbindung sind die Erstbindungszeit und die sich daran womöglich noch anschließende Kündigungsfrist wichtiger als € 0,005 Unterschied im Tarif, wenn man nicht mit gebundenen Händen zusehen will, wie die Preise noch weiter herunter gehen.
  2. Wer wechseln will, sollte die Kündigung des bisherigen Stromlieferanten erst nach Abschluss des neuen Vertrages vornehmen, am besten als Service des neuen Lieferanten.
  3. Die telefonischen/mündlichen Angaben sollten genauestens mit dem tatsächlichen Inhalt des Vertrages verglichen werden. WISO stellte bei 5 von 10 Anbietern Abweichungen fest.
  4. Man sollte darauf achten, dass in den Grundkosten alle Zähler- und Ablesekosten enthalten sind. In den Verbrauchskosten sollten die Mehrwertsteuer, Stromsteuer sowie alle Durchleitungskosten enthalten sein.
  5. Der bisherige ganz normale Stromzähler wird auch nach einem Wechsel des Anbieters zur Ablesung und Abrechnung herangezogen; es kommen also keine Handwerker ins Haus.
  6. Es gibt eine allgemeine Versorgungspflicht der bisherigen Stromversorger. Keiner braucht also Angst zu haben, bei einer Pleite des neuen Versorgers plötzlich ohne Strom dazustehen. Beim alten Versorger wird man immer wieder (freudig?) aufgenommen und kann sich danach ggf. erneut für einen anderen Anbieter entscheiden.
  7. Im Internet gibt es die Möglichkeit, sich für den eigenen jährlichen Stromverbrauch die günstigsten Anbieter nennen zu lassen, z.B. bei www.stromtabelle.de oder bei www.strom-magazin.de, wo man sogar "Naturstrom" auswählen kann (was auch immer das im Einzelfall bedeuten mag).
  8. Wer nicht bewusst einen Tarif mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen wählt, kann sicher sein, dass er nicht eine einzige kWh solchen Stroms erhält, denn dieser Strom lässt sich teurer verkaufen als Atom- oder Kohle-Strom, und dafür ist ein eigener Markt entstanden. Man muss sich in diesem Punkt also entscheiden, und das ist ganz anders als bisher.
  9. Wer meint, die Verantwortung für die Zukunft unserer Kinder hört nicht beim Strom auf, der sollte z.B. den Umwelttarif der Stadtwerke wählen. Bei den Marburger Stadtwerken gibt es noch die Besonderheit, dass man den Anteil erneuerbarer Energie stückeln kann. In Teilmengen zu 500 kWh (€ 37,50 Aufschlag) kann man "Umweltstrom" wählen und den Rest eben mit "herkömmlicher" Energie abdecken. Eine Idee wäre z.B., je Person 500 kWh "Umweltstrom" zu wählen und den Rest vielleicht durch konsequentes Stromsparen gegen 0 zu drücken.
  10. Wer meint, dass Strom mit Bedacht verbraucht werden sollte, und gar nicht einsieht, dass die Stadtwerke wegen Geschäftemachern und Spar-Schweinen (bitte nicht persönlich nehmen) kaputt gehen sollen (hier kommt natürlich wieder die Tatsache durch, dass ich seit dem ersten Arbeitstag Gewerkschaftsmitglied bin), der sollte einfach trotz des Ratschlags in Punkt 1. einen 1-Jahres-Vertrag mit den Stadtwerken machen. Die Preise sind momentan einigermaßen günstig zu nennen, und wenn es noch billiger wäre, dann hätten wir keinen Anreiz mehr zum Stromsparen. Und dann schaut man zu, wie die anderen Anbieter noch günstiger werden und ihren Atomstrom verschleudern, und man ärgert sich nicht und spart vielleicht noch ein bisschen mehr Strom. Geld regiert zwar die Welt, aber ab und zu muss man mal einen Marionettenfaden kappen.
  11. Wer sich bei Punkt 10. überfordert fühlt, der sollte vielleicht seinen bisherigen teuren, aber schnell kündbaren Tarif bei den Stadtwerken vorerst behalten und in Ruhe nach einem verlässlichen Anbieter suchen, der zu vertretbaren Laufzeiten den besten (da kann jeder seine Kriterien einsetzen) Strom liefert. Bei Anbietern, die schriftlich zusichern, nur Strom aus dem Inland einzukaufen, kann man von einigermaßen vertretbaren Umwelt-Standards ausgehen. Die billigsten haben hauptsächlich Atomstrom aus dem Ausland.

Die Angaben in dieser Betrachtung sind als meine persönliche Meinung zu verstehen. Ich habe Informationen nach bestem Wissen wiedergegeben, kann aber nicht ausschließen, dass einzelne Angaben sich als quantitativ oder qualitativ falsch herausstellen. Bei den Stadtwerken Marburg bin ich ein ganz normaler Strom-, Gas- und Bus-Kunde und sonst nichts; außer den hier bewusst genannten Motiven gibt es für mich keine weiteren Gründe, die Stadtwerke besonders zu empfehlen.
 

Dieser Text stammt aus dem Jahr 2000 und entspricht in Einzelheiten nicht mehr dem aktuellen Stand.


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